ELECTRI_CITY

Buch des Winters: ELECTRI_CITY von Rüdiger Esch. Die Elektro-Musik-Szene in Düsseldorf seit den 70er Jahren. Eher lustlos begonnen, dann nahezu elektrisiert habe ich die knapp zweihundert Seiten zuletzt verschlungen, dabei sind mir Bücher in Dialog - Stil seit meiner Schulzeit meistens ein Gräuel gewesen.

Warum diesmal nicht ? Ich war dabei! Zumindest als Zuschauer. Ähemm.., ich meine manchmal wenigstens. Eigentlich war ich noch zu jung. Viele Namen und Situationen sind tief in meinem Unbewusstsein verschüttet gewesen und haben jetzt, dank Rüdiger Esch plötzlich wieder eine Bedeutung. Wo sind eigentlich die ganzen "LA Düsseldorf" Graffitis  hin und was passierte geheimnisvolles auf der Mintropstrasse?

Es ist eine fremde und seltsame Welt.. -  war ein Satz, der mich lange begleitet hat

 ..Nur wo kam der doch gleich her? Deutsch Amerikanische Freundschaft hat wirklich live im "Hof" gespielt und hat schon damals extrem genervt mit dieser dämlichen Adolf Nummer. Ich könnte dabei sein, weil der Schlagzeuger einem Klassenkameraden Schlagzeugunterricht gab und der irgendwie an Karten kam.

So sehr sich D.A.F auch politisch isolierten, provozierten oder schlicht indifferent waren, so sehr war „der Mussolini“ Stilbildend für eine ganze spätere Musikrichtung.

D.A.F hat damit einen genialen Klassiker geschaffen, der ohne Flirt mit dem Faschismus vielleicht niemals funktioniert hätte. Dank sei hier vor allem dem genialen Conny Plank, der als Produzent mehr als einmal den richtigen Riecher bewiesen hatte. Musikalisch genial, Inhaltlich Wrrrgsssss…

Der Ratinger Hof war die schäbigste Kneipe, die ich jemals betreten habe, zugleich auch im Nachhinein betrachtet wahrscheinlich die mystischste. Den Mercedes 600, der gerne mal die Heinrich Heine Allee runterfuhr hat man oft gesehen, ich wusste allerdings nicht, dass der de

Ja, und der temporäre Arbeitskollege Michael hat nicht rumgesponnen, der hatte tatsächlich ein eigenes Tonstudio

welches zwar nicht so prima lief, sonst wäre er wohl kaum ein Arbeitskollege gewesen, aber er  hat später mit NEU! noch so einiges probiert. Connie Plank ist inzwischen schon lange tot. Ebenso Die Dinger Brüder und die Jungs von Kraftwerk sind wohl inzwischen heimlich nach Osterath verzogen. Ich habe sie da aber nie gesehen, auch nicht im dortigen Fahrradladen.

Kleiner Nachtrag

Erwähnenswert für diese Zeit des Umbruchs ist eine Szene, die mir in den frühen 80ern selbst auf der Ratinger passiert ist.  Wenn ein Einsatzfahrzeug der Altstadtwache so unvorsichtig war und unbedingt den Weg über „Liefergasse“ , „Ratinger Strasse“ zu wählen, so kam es regelmäßig vor dass erst einzelne Gläser und später eine ganze Glaslawine Richtung Staatsmacht flog.
Interessant muss vor allem das Geräusch im Inneren des Fahrzeugs gewesen sein.

Dies kam nach meiner Beobachtung regelmäßig vor und sagt vor allem eine Menge über den Geist und die Stimmung auf der Ratinger in dieser Zeit.

Oft wurde diese Provokation einer kleinen Gruppe schlicht ignoriert. Gelegentlich führte sie aber auch zu einer massiven Reaktion der Staatsgewalt in Form einer Hundertschaft von Polizisten, die dann eine aufwendige und sinnlose Personalienkontrolle der gesamten Strasse durchführte.

Ich erinnere mich vor allem an ca. hundert Polizisten die in voller Montur, mit Helm, Maske und Schild Richtung Hof an mir vorbei stürmten.

Auf dem Walkman lief dazu der genialste, passende Soundtrack von Linton Kwesi Johnsson, mit Sonnyh’s Lettah: “ Mama, more Policemen came down…“

eine wunderbare WDR Doku über den Ratinger Hof, die beginnende Punkszene, über Fehlfarben, Östro430, ZK und maybe die Toten Hosen findet man unter folgendem Link:
http://www1.wdr.de/fernsehen/wdr-dok/sendungen/keine-atempause-100~.html

Bildquelle:"[CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons"

Der Ratinger Hof auf der Ratinger Straße in Düsseldorf 1978, Bild: By Ralf Zeigermann

Noch 'nen Nachtrag - "Verschwende deine Jugend"

ist ein Buch von Jürgen Teipel, das am 17. Oktober 2001 im Suhrkamp Verlag Frankfurt erschien und den Untertitel Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave trägt. Wenn man etwas zum Thema Punk oder Musik aus Düsseldorf in den 70ern und 80er Jahren lesen will, kommt man an "Verschwende deine Jugend" auf keinen Fall vorbei; und ich meine das Buch, keinesfalls den Film. Beim Film ist mir absolut schleierhaft was er auch nur im geringsten mit dem Buch zu tun haben will. Das Buch ist ein "Interview - Roman" mit den interessantesten Protagonisten aus den frühen Tagen der Punkbewegung, für die in Deutschland Düsseldorf einer der zentralen Orte gewesen ist. Zu Wort kommen, ohne anspruch auf vollzähligkeit so interessante Menschen wie Blixa Bargeld, Inga & Annette Humpe,  Frank Fenstermacher, Moritz Reichelt, Peter Hein, Martin Kippenberger, Markus Oehlen, Franz Bielmeier, Xao Seffcheque und Muscha von den Bands Fehlfarben, Der Plan, Mittagspause, Charley’s Girls und Family 5; Robert Görl, Wolfgang Spelmanns, Gabi Delgado, Michael Kemner, Pyrolator und Chrislo Haas von DAF. u.v.m.

Gerade bezüglich D.A.F. wurde meine Ablehnung dieser Band immens bestärkt. Es gibt im Buch einige lesenwerte Passagen, z.B. wenn Delgado erzählt wie sie in England in einer Halle mit 400  dampfenden,  betrunkenen und sehr gewaltbereiten Skinheads gespielt haben.

Mann kann sich diese dumpfe Masse an Menschen gut vorstellen in ihren grauen Jacken, Doc Martens und kurz geschorenen Haaren. Die Szene erinnert an einem Gemälde von Breugel oder Bosch.

Punk war in seiner Zeit kein Beispiel größter Virtuosität, sondern viel eher eine Nische für extreme Charaktere und Menschen, die in "normalen" Zeiten niemals ihre Chance bekommen hätten.

Diese und viele höchst interessante und natürlich auch weniger düstere Geschichten aus der Pionierzeit des Punk bietet das Buch - unbedingte Kaufempfehlung von mir.

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